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Wer zu fest zieht, reißt das Gewinde. Wer zu locker zieht, verliert die Verbindung bei der ersten Vibration. Das Anzugsdrehmoment entscheidet, wie fest die Schraube das Bauteil anpresst – und damit, ob die Verbindung hält.

Wie das Anzugsdrehmoment entsteht

Beim Anziehen wandelt die Schraube das Drehmoment in eine Anpresskraft um. Die vereinfachte Formel lautet:

T = k · Fz · d

  • T = Anzugsdrehmoment in Nm
  • k = Reibwert (abhängig von Oberflächen und Schmierung)
  • Fz = gewünschte Anpresskraft in N
  • d = Schraubendurchmesser in m

Die zulässige Anpresskraft leitet sich aus der Zugfestigkeit ab – in der Praxis wird die Schraube auf etwa 70 % ihrer Bruchlast vorgezogen: Fz ≈ 0,7 · Rm · As, wobei As die Zugschnittfläche des Gewindes ist (siehe Festigkeitsklassen).

Drehmoment-Tabelle (metrisch, DIN 13)

Berechnete Beispielwerte mit k = 0,2 (trocken, sauber, unbehandelt) und Fz = 0,7 · Rm · As:

Größe4.85.88.810.912.9
M678141720
M81620334149
M103241658197
M125771113142170
M16141176281352422
M20274343549686823

Wichtig: Diese Werte sind Richtwerte für saubere, trockene Verschraubungen. Für die konkrete Verbindung gelten immer die Werte des Herstellers (DIN 65151) – vor allem bei Edelstahl (A2-70/A4-70), bei geschmierten Gewinden und bei sicherheitsrelevanten Verbindungen.

Reibwert: der unterschätzte Faktor

Der Reibwert k schwankt stark:

Zustandk (ca.)
Geschmiert (z. B. MoS2)0,08 – 0,10
Leicht geölt0,12 – 0,15
Trocken, sauber0,18 – 0,20
Trocken, verschmutzt0,22 – 0,30

Rund 90 % des Anzugsdrehments gehen in Reibung unter – nur etwa 10 % werden in Anpresskraft umgesetzt. Das bedeutet: Weniger Reibung bedeutet bei gleichem Drehmoment mehr Anpresskraft. Deshalb bei geschmierten Gewinden das Drehmoment entsprechend reduzieren oder den Herstellerwert für geschmierte Verschraubung verwenden.

Faustregeln für die Praxis

  • Niemals nach Gefühl anziehen, wenn Lasten getragen werden – ein Drehmomentschlüssel kostet wenig und rettet Gewinde.
  • Anziehreihenfolge bei Flanschen und großen Köpfen: im Kreuz, in mehreren Durchgängen je 1/3 des Ziel-Drehmoments.
  • Festigkeitsklasse beachten: Eine 4.8-Schraube erträgt nur etwa halb so viel wie eine 8.8 – bei hochfesten Verbindungen gehört dazu eine passende hochfeste Mutter.
  • Edelstahl: höhere Reibung, dazu die Gefahr von Kaltverschweißen – hier besonders vorsichtig anziehen, Gewinde notfalls leicht ölen.
  • Kopfdrehmoment beachten: Das Kopfdrehmoment (Anzug unter dem Kopf) ist deutlich niedriger als das Gewindedrehmoment – die Tabelle gilt für den Anzug im Gewinde.

Häufigste Fehler

  • Zu fest: Überlastet die Schraube, reißt sie oder das Innengewinde – besonders bei Alu-Gewinden.
  • Zu locker: Die Verbindung vibriert sich locker; nachziehen nach kurzer Laufzeit.
  • Falsche Klasse: 4.8-Schraube in eine Verbindung, die 8.8 verlangt.
  • Geschmiert, aber Tabelle für trocken: 20–30 % zu hohe Anpresskraft – die Schraube arbeitet im roten Bereich.
  • Altes Gewinde: Reibung steigt mit Abnutzung; ein verschlissenes Gewinde braucht mehr Drehmoment für dieselbe Kraft.

Zusammenfassung

Das Anzugsdrehmoment ist kein Zufallswert: Es berechnet sich aus Reibwert, Zugfestigkeit und Gewindegröße. Für die Alltagsverbindung genügen die Richtwerte der Tabelle – für alles Tragende und Wiederholbare gilt: Herstellerwert, Drehmomentschlüssel, saubere Gewinde. Für die schnelle Berechnung den Drehmoment-Rechner nutzen.